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Platonische Liebe

 

Vermutlich hat jeder erwachsene Mensch (in den westlichen Gesellschaften) von ihr gehört oder ist gar selbst mit ihr in Berührung gekommen: einer Liebe, die die sinnlich-physischen Aspekte zugunsten der seelisch-geistigen vernachlässigt, oder mehr noch, sie vollkommen negiert. Diese Charakterisierung eines Liebesverhältnisses wird seit rund 500 Jahren platonisch genannt. Geprägt hat den Ausdruck der Renaissance-Philosoph Marsilio Ficinos (1433-1499), der sich damit auf Plato und dessen »Ausführungen über den Idealstaat« (der POLITEIA) bezieht. Freilich ging es Plato um das Wohl des Staates, als er in seiner Utopie die Trennung von Sexualität und Emotion postulierte. Doch abgesehen davon, dass sich sein Postulat auf das Lehrer-Schüler-Verhältnis bei der Ausbildung der Oberklasse bezieht, basiert seine These im Kern auf der Annahme, dass sexuelle Verhältnisse stets einem animalischen Begierde-Aspekt unterliegen, hingegen die rein spirituelle Liebe nichts als die reine Schönheit der Seele repräsentiere. Plato wertet, er versteht das sinnliche Erleben als Vorstufe geistiger Erhöhung, das man zugunsten (s)einer ideellen Philosophie (nämlich der Liebe in ihrem Kern) überwinden sollte.

Menschen, die eine platonische Form der Liebe wählen und/oder praktizieren, mögen ihrer Entscheidung indes kaum solch ideelle Motive zugrunde legen, -zumindest nicht bewusst. Die Frage die sich hier stellt ist diese: folgen die Menschen, die platonisch lieben, einer freien Entscheidung, oder sehen sie sich Gegebenheiten unterworfen, die keine ganzheitliche, die Sexualität einbeziehende Liebesbeziehung zulässt? Mit anderen Worten: Warum lieben sich Paare platonisch?

 

Plato selbst hat den Mythos von jenen Wesen erzählt, die einst kugelrund waren und von den Göttern in zwei Hälften getrennt worden sind. Seither ziehen sie durch die Welt und suchen die jeweils andere Hälfte, um sich wieder vereinigen zu können. Dieses Finden, zueinander passen und sich in Gänze vereinigen, erhält am Beispiel der Kugel, jener absolut perfekten physikalischen Form, eine ideale bildliche Entsprechung. Und die Ganzheit kann keine andere sein, als eine, die total ist (in Raum, Form und Inhalt). Uns, der westlichen Gesellschaft im dritten Jahrtausend, ist die direkte Verwirklichung einer ganzheitlichen Vereinigung mehr denn je gegeben. Denn unsere freitheitlich-libertäre Grundordnung bietet jedem Mitglied unserer Gesellschaft die Möglichkeit, die »vermisste Hälfte« uneingeschränkt zu suchen, -und zu finden. Doch durch diese Option generiert sich ein schweres Dilemma. Denn mit dem Erringen von Freiheit bei der Partnerwahl -und dies zeigt quasi ihre Kehrseite- ist jedem Einzelnen die große Bürde einer Verantwortung für den Nächsten aufgetragen. Einer Verantwortung, der wir nur durch eine selbstauferlegte Verpflichtung zu ihrer Erfüllung Genüge tun können. Und genau an diesem Punkt versagt die Mehrheit der Gesellschaft, weil sie zur Orientierung keine Schranken durch ethische und moralische Normen mehr findet und den inneren Freiheitsraum sowie die äußere Freiheit missinterpretiert, was sich in einer Ideologie der generellen Profitmaximierung niederschlägt. Diese Entwicklung ist gekennzeichnet durch kalten Egoismus, der einzig Überheblichkeit und Eitelkeit fördert. Darunter fällt auch die Aufspaltung von Liebe und Sexualität, die in ihrer negativen Ausprägung die spirituelle Liebe negiert oder als anstrengend verwirft, die Sexualität hingegen als Kult der Lustmaximierung feiert. Dieses Streben nach Selbstgenuss wird in unserer Spaßgesellschaft zunehmend kultiviert. Was bleibt, ist eine unverbindliche Augenblicksmaxime, die weder Bindung noch Verpflichtung kennt. Doch können wir die gewonnene Freiheit nicht hinter uns lassen, indem wir durch strenge ethische Normen den eingeschlagenen Weg verbarrikadieren und uns zur Umkehr zwingen. Wir, die Gesellschaft als Ganzes, müssen also mit diesem Dilemma leben.

 

Aller Negativentwicklung zum Trotz gibt es eine Minorität von Menschen in unseren Gesellschaften, für die Moral und Ethik noch mit Inhalten gefüllt sind, und die in der Überwindung von Gier, Verblendung und Hass versuchen, Liebe zu leben. Zu ihnen gehört die Gruppe jener Individuen, für die die platonische Ausprägung einer romantischen Liebe nicht nur eine Option bedeutet, sondern zuweilen bewusst sich selbst genügt und damit einen Gegenentwurf zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklung darstellt.

 

Zurück zur konkreten Frage nach dem „Warum?“. Wenn wir uns die Motive vor Augen führen, dann wird schnell deutlich, dass es eine Vielzahl von äußeren Anlässen gibt, die platonische Liebesform zu wählen und/oder zu akzeptieren. Und dazu gehören auch -immer noch und vor allem- gesellschaftliche Konventionen, denn die westlichen Spaßsozietäten stellen daselbst eine Minderheit unter den sozialen Verbünden der Welt dar. Es ergeben sich hier nun folgende Situationen, innerhalb derer sich der sinnliche Aspekt einer Liebesverbindung entzieht: Klassenunterschiede bzw. Unterschiede der sozialen Schicht, Unterschiede der Ethnie und Herkunft/Abstammung, Unterschiede des sozialen Status (Ehe), Unterschiede des Glaubens/der religiösen Überzeugung. Bei all diesen Konventionen wirken Gesetzgebungen und/oder soziale Normen und Tabus, für deren Beachtung und Durchsetzung ein kollektiver Kontrollmechanismus greift (unmittelbares soziales Umfeld als Regulativ), dem jedes Mitglied der entsprechenden Gesellschaft unterworfen ist.

Eine weitere Gruppe von beschränkenden äußeren Gegebenheiten, ist die der physischen Ungleichheit. Dazu gehören ein extremer Altersunterschied, und Barrieren durch Krankheit oder Missbildung. In dieser Gruppe erhält der Aspekt einer intentionellen Entscheidung zugunsten der seelisch-geistigen Verbundenheit eine größere Gewichtung, als bei der vorangegangenen Gruppe.

Bei der nächsten Gruppierung sind es die äußeren Umstände, die bereits eine physikalische Trennung mit sich bringen und deshalb das sinnliche Element der Liebe ausschließen, ganz unabhängig von der Frage, ob die Liebenden an der Verbindung unter anderen, nicht trennenden Umständen festhalten würden. Als da sind die Liebe bei geographischer Trennung, die Liebe unter virtuellen Bedingungen (Internet, Telefon, Post) und die Liebe zu einer ideellen Person (Gott, Religionsstifter, Idol, »Führer«). Es ist bemerkenswert, dass sich unter den genannten Umständen Liebe entwickeln und erhalten kann. Denn die Liebenden befinden sich von vornherein in einem Zustand von Entkörperung und Transzendenz, was sie gewissermaßen situationsbedingt zu Jüngern der platonischen Liebe macht.

Es lässt sich jedoch auch eine Minderheit (innerhalb der Minorität) von Menschen finden, die die platonische Art der Liebe bewusst wählt, die sich für eine Beziehung frei von sinnlicher (Körper-) Sprache entscheidet und dies dennoch nicht als Entbehrung empfindet. Diese Minderheit kann wiederum in zwei Gruppen unterschieden werden. Jene, die aus einer ideellen Haltung heraus motiviert ist und jene, die die Sexualität als Katalysator zum Erleben von Einheit »überwunden« hat. Die zuletzt genannte, bildet sich -etwas vereinfacht ausgedrückt- aus Anhängern tantrischer oder taoistischer Ideologien, die nach langem Studium jener Lehren (einschließlich sexueller Mystik) die Einheit mit dem geliebten Partner durch den Austausch von Energien auf astraler, mentaler und spiritueller Ebene sucht. Paare, die die Reife und das Vermögen erlangt haben diese Art von Liebe zu leben, werden eine extreme Minderheit in unseren westlichen Gesellschaften verkörpern. Es stellt sich die berechtigte Frage, ob eine Liebe unter Praktizierung tantrischer oder taoistischer Lehren zur asexuellen Einswerdung, der platonischen Art der Liebe zugerechnet werden sollte. Anders verhält es sich mit den bewusst platonisch Liebenden. Hier finden sich nun die aufrichtigen Idealisten, jene, die in der sinnbefreiten Liebe definitive Vorteile gegenüber der ganzheitlichen Liebe ausmachen oder diese als die höchste Liebesform ansehen und damit schließlich dem Ideal Platos entsprechen.

Es ist in dieser Betrachtung der Motive deutlich geworden, dass platonische Liebe sowohl ein Festhalten an einer Beziehung sein kann, welche in der Aussicht auf eine körperliche Vereinigung die Sehnsucht und Hoffnung nährt, die ihrerseits als Motor der Liebe fungieren, als auch ein freiwillig und ganz bewusst gewählter Weg. Das heißt, die äußere Erscheinung einer platonischen Liebe muss nicht gleichbedeutend sein mit einem inneren Anspruch.

 

Vielleicht gewährt diese Anthologie Einblick in die unterschiedlichen, individuellen Beweggründe, aufgrund derer sich Menschen entscheiden un-physisch in Beziehung zu treten. Es bleibt die Frage nach dem Motiv der freien Entscheidung eine Liebe platonisch leben zu wollen. Wie wir gesehen haben funktioniert die objektbezogene, leidenschaftliche Liebe auch virtuell, also entkörpert. Das kann sie, weil ihr wenige Grundelemente genügen um existent zu werden. Gehen wir davon aus, dass die Liebe eine Haltung ist, die von jenen gelebt wird, die nicht der eingangs erläuterten Kehrseite der gesellschaftlichen Freiheit erlegen sind, und dass diese Liebe sich aus der Fülle des Herzens erschließt, die einen geliebten Partner nicht bindet, sondern ihm vielmehr unbedingte Freiheit lässt, dann ahnen wir, dass es nicht eine sinnliche Komponente braucht, um erfüllend lieben zu können. Gewiss, die Liebe drängt einen zur Nähe, doch genügt manchem die Nähe auf geistig-seelischer Ebene, welche durch die Identifizierung mit dem Geliebten verwirklicht werden kann. Den Schlüssel dazu bietet die (kognitive) Kommunikation, von der anzunehmen ist, dass sie nicht nur ein Mittel der Liebe ist, sondern, in einem bestimmten Sinn, Liebe selbst.

 

Unzweifelhaft verwirklicht sich jede »Vereinigung« zweier Liebender mittels einer Form von Kommunikation, sei sie nun kognitiver oder sensorischer Natur. Kommunikation ist in ihrer Funktion als Katalysator und Ausdruck von Liebe (und hier ganz besonders) immer Hingabe. Liebende geben sich einander immer hin. Der Kern der Frage, warum -oder ob- die wahren Adepten Platos der Dynamik unserer biologischen Natur (sexuelle Anziehung, Erregung und Lust) nicht zu unterliegen scheinen, bleibt zuletzt unbeantwortet und ließe sich -wenn überhaupt- nur durch wissenschaftliche Untersuchungen erhellen; ein Anspruch, den diese Anthologie gewiss in keiner Weise geltend machen will. Der Liebende jedoch fragt nicht nach dem Wie oder Warum. Er ist durch Liebe erfüllt und lebt in ihr. Er empfindet, unabhängig vom Ausdruck, den er in der Liebe wählt, ihre göttliche Dimension, und die reicht über irdische Belange hinaus. Der mit Liebesfähigkeit gesegnete Mensch kann nicht anders, er strebt nach dem Ideal, welches Plato beschrieb: der geistigen Erhöhung durch den spirituellen Aspekt der Liebe. Um es mit den Worten des Anthroposophen Rudolf Steiners zu sagen: »Die Frage ist, ob wir unsere Seele nur dem Vergänglichen hingeben oder auch dem Unvergänglichen, ob wir an den vorübergehenden Genüssen der Sinne allein hängen, oder ob wir für unsere Hingabefähigkeit etwas finden, was über den Tod hinaus Bestand hat. Wenn unsere Seele für das Unvergängliche, für das Wahre und Gute erwacht und sich diesem inneren Sternenhimmel hingibt, dann erwacht sie für die Realität des Geistigen in der sinnlichen Welt. Dieses Erwachen der Seele für den Geist ist nichts anderes als Liebe.«

 

 © Oliver Schumann im Februar 2004

Erschienen in Amour de tête, Platonische Liebe, Eine Anthologie herausgegeben von Sandra Wagner, Geest-Verlag 2003, ISBN 3-936389-48-9

 

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Versuch einer Ethik zur sexuellen Erfüllung

 

Was erwarten wir von der Sexualität. Und, erwartet die Sexualität etwas von uns? Sind Erwartungen in Bezug auf die Sexualität überhaupt angebracht? -Vermutlich geht es gar nicht ohne Erwartungen in der Sexualität. Und genau an diesem Punkt entscheidet sich, ob ein Mensch frustriert oder erfüllt durch sein Leben geht. Seine Haltung (seine Einstellung) ist, wie in anderen Lebensbereichen auch, ausschlaggebend für die Selbstwahrnehmung, mithin für das Empfinden in Bezug auf einen Vorgang.

 

Also: Was können, was sollten wir von der Sexualität erwarten?

Die Sexualität lebt aus dem Inneren eines Menschen heraus. Abgesehen von den vielfältigsten Prägungen, die sich in Vorlieben und Verhalten niederschlagen, gibt es lediglich vier grundsätzliche Bedingungen  unter denen Sexualität gelebt und empfunden wird. Insofern lassen sich individuelle Erwartungen sehr genau spezifizieren. Was die Bedingungen angeht so können diese nur sein: sexuelle Handlungen mit sich selbst oder mit einem Partner, und sexuelle Verwirklichung, die sich aus einem zugeordneten Selbstzweck (Lust und Lustabbau) oder Ausdruck emotionaler Verbundenheit (Liebe) motiviert, wobei Letzteres den Selbstzweck beinhaltet. Daraus ergeben sich die folgenden Konstellationen:

-ich handle sexuell an meinem Körper, weil ich Lust erleben will,

-ich handle an meinem Körper, weil ich mich liebe

-ich handle sexuell am Körper eines Partners, weil ich Lust erleben will, und

-ich handle sexuell am Körper eines Partners, weil ich meinen Partner liebe.

Dadurch, dass emotional motivierte sexuelle Handlungen den sexuellen Selbstzweck »bedienen«, bieten sie ein höheres Maß an Erfüllung, denn sie verlassen den eindimensionalen Raum der Bedürfnisbefriedigung (ich gehe weiter unten näher darauf ein).

In Bezug auf die einzelnen Konstellationen lässt sich nun schnell erkennen, welche sexuelle Handlungen welches Maß an Erfüllung bieten kann, und welche Erwartungen sich daraus ergeben. Erwartungen freilich, die »gelernt« (erfahren) sind.

 

Sexuelle Handlungen am eigenen Körper sind ganz einfach Masturbation, -die verbreitetste und einfachste Art Sexualität zu leben. Es ist offensichtlich, dass autosexuelles Verhalten sich kaum aus dem Motiv der emotionalen Selbstliebe erklärt, sondern unmittelbares Produkt des sexuellen Triebes ist, also primär der Lusterfahrung dient. Auch wenn für den befriedigenden bzw. erfüllenden Masturbationsakt eine gesunde Selbstannahme und die Liebe des Ich gehört, so ist diese emotionale Komponente des Seins in den seltensten Fällen ausschließliches Motiv, sondern lediglich grundsätzliche Vorbedingung für das erfüllende Ausleben der triebgesteuerten Auto-Sexualität. Die Masturbation ist potentiell das große Feld der konkreten sexuellen Bedürfnisbefriedigung und sie sollte ggf. in diesem Sinne praktiziert werden. Denn innerhalb der Masturbation stehen jedem Individuum alle Möglichkeiten des sexuellen Lust-Erlebens offen, bis auf jenes der zwischenmenschlichen Generierung und Lösung von Lust. Doch anstatt diesen Aspekt als Mangel aufzufassen oder zu empfinden (ein verbreiteter Status Quo, der sich an einem tradierten Wertegefüge orientiert), empfiehlt es sich die vermeintliche Unvollständigkeit nicht nur wertfrei zu betrachten, sondern als Vorteil zu erkennen. Mit einer entsprechenden Erkenntnis lässt sich die Erwartung an eine freie und unkomplizierte Verwirklichung sexueller Bedürfnisse ideal erfüllen, da man, ohne Verantwortung für einen anderen Menschen -neben sich selbst- tragen zu müssen, eigene Neigungen und Präferenzen optimal und zielgerichtet ausleben kann (vorausgesetzt natürlich, dass sich Präferenzen nicht explizit auf interpersonelle Sexualität beziehen).

Sexuelle Handlungen mit einem Partner, seien sie emotional oder rein sexuell motiviert, beinhalten ausnahmslos Verantwortung für diesen Partner. Wo das Bewusstsein für Verantwortung -aus welchen Gründen auch immer- fehlt, wird jedes Miteinander verachtend und lässt die Beteiligten günstigstenfalls gleichgültig, schlimmstenfalls missbraucht zurück. Die vorgeblich einfachste Sache der Welt (sexuelles Interagieren einschließlich geschlechtlicher Vereinigung zweier Menschen) ist tatsächlich immer, in jeder Begegnung, hoch komplex, -sowohl physisch, als auch mental.

 

Ausgehend von den oben angesprochenen Konstellationen, will ich nun die rein sexuell motivierte Zusammenkunft betrachten. Als Gattung Mensch stehen wir mittels unserer Erkenntnisfähigkeit und der Gabe Liebe zu empfinden über der Tiernatur, die in Bezug auf Sexualität durchweg ihren Instinkten und dem oft zyklischen Impuls zur Arterhal-tung (Fortpflanzung) folgt. Mithin können wir sexuelle Motivationen klar differenzieren: das Motiv, durch die Partnerinteraktion sexuelle Lust zu (er)leben, lässt zunächst jenes der Fortpflanzung hinter sich (dieses Prinzip erfährt weiter unten in einem entwicklungsbezogenen Kontext seine Wiederholung). Menschen haben gelernt die Empfängnis zu verhüten. Bedürfnismotivierter Partnersex lässt sich deshalb als Standart betrachten, wobei –daran gemessen- die Masturbation wiederum als sexuelle Verwirklichung in Ermangelung eines Partners, sowie emotional motivierter Geschlechtsverkehr (Sex aus Liebe) als »unwillkürlicher Luxus« gesehen werden können. An dieser Stelle kommen Erwartungen und Vorlieben (Prägungen) ins Spiel, deren Realisierungen sich auf die erlebte Erfüllung und Befriedigung bei/nach einer Begegnung auswirken: Ausgehend von dem Postulat der Verantwortung in der sexuellen Begegnung, wird diese als erfüllend empfunden werden, wenn Interessengleichheit und Achtung bestanden haben bzw. bestehen. Einer emotionalen Bindung bedarf es dazu jedoch nicht. Die rein sexuelle Beantwortung von Vorlieben und Lustbedürfnis genügen dem Individuum in der hier besprochenen Konstellation. Es (das Individuum) kann sich jedem  Partner mit entsprechenden Vorzeichen  sexuell zuwenden. Eigene Erwartungen können mit dieser Haltung unmittelbar und gezielt bedient werden.

 

Die emotional motivierte Zusammenkunft gestaltet sich dagegen ungleich komplexer. Die Sexualität als Ausdruck von Liebe bezeichnet einen Fort-Schritt in Hinsicht auf die Qualität des sexuellen Erlebens, denn sie integriert sowohl den Lustaspekt, als auch die positiv rückkoppelnde Dynamik der Hingabe (an Tätigkeit und Objekt) in einem transzendenten Sinn. Das Streben nach Befriedigung und Erfüllung hat nicht nur das Erleben von Lust in einem physikalischen Kontext zum Ziel, sondern beinhaltet zusätzlich das ganze Einbringen des Selbst in mental-spiritueller Hinsicht. Anknüpfend an das oben erwähnte Prinzip wird hier nun deutlich, dass das Motiv der emotionalen Bindung für das (erfüllendere) Erleben von sexueller Lust wiederum das der bedürfnismotivierten Bindung hinter sich lässt. Denn es bietet den Beteiligten durch die geistig-emotionale Dimension die (permanente) Möglichkeit sonst unerreichbarer Intensitäten des sexuellen Seins: Wenn innerhalb der emotionalen Bindung eine Übereinstimmung von sexuellen Neigungen und Prägungen besteht, kann mittels der geschlechtlichen eine spirituelle Vereinigung verwirklicht werden. Diese ganzheitliche Vereinigung entspricht der Ebene einer ultimativen sexuellen Qualität, die mittels der bedürfnismotivierten Begegnung nicht erreicht werden kann, da sich die spirituelle Dimension durch das Fehlen der emotionalen Komponente nicht erschließen lässt. Diese Darstellung trägt zugegebenermaßen idealistische Züge. Während sich bedürfnismotivierter Sex durch Selektion optimieren kann, indem Paare aufgrund von identischen Neigungen/Prägungen interagieren und dadurch die Voraussetzung schaffen ihre Erwartungen ideal zu erfüllen (auch diese Sichtweise ist eine idealisierte), erweist sich der emotionsmotivierte Sex -was diesen Aspekt (Selektion) angeht- als potentieller »Versager« (diese Sichtweise ist ebenso dramatisiert). In einer verantwortungsvollen, reifen Liebesbeziehung wird der sexuelle Aspekt dem emotionalen nachgeordnet sein. Deshalb wird die Emotion immer ein gewisses Maß an fehlender sexueller Übereinstimmung kompensieren. Doch bei größeren Differenzen in den sexuellen Prägungen und Präferenzen wird es schwierig sein Erfüllung und Befriedigung zu erlangen, geschweige denn zu etablieren. Schlimmstenfalls erweist sich dieser Umstand als fortwährende Belastung; günstigstenfalls lassen sich die Differenzen durch Anpassung mit der Zeit überwinden. Darüber hinaus lässt sich ein weiteres Handicap nicht verleugnen: Eine emotional motivierte, lang anhaltende Beziehung wird an einer sich abschwächenden Attraktivitätswahrnehmung beider Partner kränkeln, wiederum ganz besonders dann, wenn Differenzen in den sexuellen Neigungen bestehen. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Defizit aufgrund der Nichtbedienung sexueller Prägungen, mithin einer nicht erfüllten Sexualität, sich kontinuierlich verstärken, sowie zunehmend nach Kompensation streben wird. In unserer Gesellschaft findet sich eine ausgedehnte, komplexe Industrie (einschließlich der Prostitution), die von diesem real existierenden Kompensationsbedürfnis lebt. Ihre Schatte-seiten zeigen sich in zerrütteten Beziehungen und sexuellem Missbrauch. Auch die »Ver-Achtung« (Negation) der Masturbation trägt ihren Anteil an diesem Zustand.

 

Das Streben nach sexueller Erfüllung ist der Motor jeder sexuellen Handlung. Jeder Mensch hat die Freiheit so zu handeln, dass er selbst, sowie seine Partner –seien sie nun rein sexuell oder (auch) emotional mit ihm verbunden- sexuell befriedigt und erfüllt werden, und zwar ohne dass er oder sein(e) Partner mental und/oder physisch daran kranken. Dieser Leitsatz für eine sexuelle Erfüllung formuliert ein hoch gestecktes Ziel, denn er beruht auf der Prämisse von Moral und Erkenntnis. Unsere (westliche) Gesellschaft steckt jedoch tief in einer Konditionierung, die sowohl auf einem antiquierten Rollenverständnis beruht, als auch dem Axiom folgt, dass geschlechtliche Vereinigung der einzig gültige modus procedendi für sexuelle Erfüllung sei. In diesem Diktum zeigt sich die Tiernatur des Menschen, die den emotionalen Aspekt in Bezug auf sexuelle Erfüllung (noch immer) nicht zu implementieren bereit ist. Die Erfahrung lehrt, dass geschlechtliche Vereinigung per se kein Garant für sexuelle Erfüllung darstellt (oft genug trifft das Gegenteil zu), sie ist vielmehr eine unter einer Vielzahl von sexuellen Handlungen, die zu höchster sexueller Erfüllung führen kann. Wie aufgezeigt erweist sich ein ethisches Verhalten zweier Sexualpartner als Grundbedingung für eine positive (sexuell befriedigende) Erfahrung. Die Frage stellt sich nicht nach dem »Tun oder Nicht-Tun«, sondern nach der dem »Wie«, nach der Gestaltung von sexuellen Handlun-gen.

 

Abschließend komme ich noch einmal zurück zu den Eingangsfragen. Zunächst wollte ich wissen: „Was erwarten wir von der Sexualität?“ Wir erwarten von der Sexualität, dass sie uns Lust und Lustlösung (Selbstzweck) schenkt und dies zu unserer Befriedigung vollbringt. Das wird sie dann tun, wenn mittels der Verhältnisse unsere Prägungen und Vorlieben bedient werden, sei dies nun mit oder ohne Partner.

„Und, erwartet die Sexualität etwas von uns?“ fragte ich weiter. Die Sexualität erwartet von uns die ganze Hingabe an das, mittels dessen uns Erfüllung zuteil wird. Das erfordert Aufrichtigkeit aber auch Verantwortung. Wenn wir uns in dieser Haltung unseren sexuellen Prägungen und Vorlieben öffnen, wird uns unser sexuelles Erleben tief befriedigen.

Die Antwort auf die dritte Frage „Was können, was sollten wir von der Sexualität erwarten?“ liest sich abschließend wie folgt: Jeder Mensch kann und darf von der Sexualität Wonnen in dem Maße erwarten, wie er sich selbst und seinem Partner gegenüber einzubringen bereit ist. Die aufrichtige Hingabe an eine frei und selbst bestimmte sexuelle Handlung -mit oder ohne Partner- ist der wirkliche (und einzige) modus procedendi, der uns ein sexuell erfülltes Sein eröffnet.

 

© Oliver Schumann im April/August 2003

 

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Versuch einer Ethik über die intermenschliche Vereinigung

 

Körper und Geist, Sexualität und Liebe. Nur der Mensch hat die Möglichkeit über die Physis hinaus, auch in einem mentalen Rahmen mit Seinesgleichen intim zu interagieren. Er »paart« sich auf so vielfältige Weise, wie sich ihm Kombinationen zwischen beiden Polen dieser Interaktionsebene eröffnen. So sind entsprechend der Anzahl der Paarbildungen unter allen Individuen alle Varianten eines Miteinanders denkbar. Das bedeutet nichts anderes, als dass ungezählte Nuancen an zwischenmenschlichen Ver-Bindungen gelebt wurden und werden.

Der Mensch gehorcht seiner Tiernatur und zugleich ist er göttlich. Er unterliegt seinem Wesen nach jenen bio-chemischen Gesetzen, die unseren Kosmos bestimmen. Und er ist ebenso eingebunden in unstofflich-spirituelle Wirkungspotentiale, -durch ihn erst wird Gott (werden Götter) existent. Aufgrund dieser Bipolarität reicht die Palette intermenschlicher Vereinigungen von der rein sexuellen, bei der Missbrauch die animalischste (human niederste) Stufe darstellt, bis zum ätherischen, spirituellen Einssein (identisches Fühlen und Denken). Der Begriff des Vereinigt-Sein lässt sich dabei klar definieren. Physikalisch meint er ein ineinander Sein zweier Individuen, was auf natürliche Weise dann erreicht wird, wenn ein Mensch mit einem Teil seines Körpers in den Körper eines anderen eindringt. Das bezieht sich im Prinzip auf alle Kombinationen von Körperöffnungen und Körperteilen, welche sich »ineinander fügen lassen«. Dieses Prinzip, samt seiner Verwirklichung, reicht über die Zweckbestimmung der Geschlechtsorgane hinaus, ohne dass sich die libidinöse Wertigkeit so einer körperlichen Vereinigung reduzieren muss, denn der Mensch besitzt die Fähigkeit jeden Bereich seines Körpers sexuell zu prägen. Der Begriff des mentalen Vereintseins meint die spirituelle »Vereinigung«, die ihren Ausdruck in einer emotionalen und seelischen Überlagerung und/oder energetischen Koppelung findet. Die dabei erlebbaren identischen Empfindungen können Momente intensivster inniger Verbundenheit generieren.

 

Hier stellt sich die Frage nach der Beziehung, die die beiden Arten der Vereinigung zueinander einnehmen. Aus der Beantwortung dieser Frage ergibt sich eine weitere, nämlich was eine bestimmte Art von Vereinigung für ein bestimmtes Individuum bedeuten kann.

Meine Hypothese lautet: die körperliche Vereinigung zweier Menschen ist als das singuläre, kulturhistorisch bedingte Topos für ultimative intime Zu-Neigung unangebracht, weil die Mehrheit aller Menschen, die sexuell miteinander verkehren, dies nicht aus Gründen seelisch-emotionaler Verbundenheit tun. Die gebräuchliche Verwendung des Begriffs »sich lieben« als Synonym für »kopulieren« sollte deshalb als Ausdruck des Missverhältnisses von soziokultureller Konditionierung gegenüber real existierender Zustände verstanden werden. Die Aussage: »Sex miteinander haben« wäre sachlich richtiger und wesentlich ehrlicher, doch ist die Umschreibung »gegenseitiges ver-gewaltigen« oftmals zutreffender. Da der zivilisierte Mensch nun keinesfalls als Tier angesehen werden will, apostrophiert er den Geschlechtsakt als Zeichen für ein Mindestmaß an emotionaler Bezogenheit, ohne die er sich nicht auf eine intime Begegnung einlassen würde. Dadurch suggeriert das Paar sich –und seinem unmittelbaren personalen Umfeld- das Vorhandensein einer spirituellen Verbindung, unbesehen der wirklichen mentalen Qualität ihres Verhältnisses zueinander. Der Akt erfährt auf diese Weise seine moralische Legitimation. Hier wird deutlich, wie »Kultur« als Multiplikator wirkt und einen Effekt erzeugt, der darin besteht, dass die Gesellschaft beständig ihrer Selbstverlogenheit erliegt. In westlichen Sozietäten diente und dient Geschlechtsverkehr in seiner ethisch positiv besetzten Auffassung als moralisches Alibi für das Ausleben von unmittelbarstem Dominanzbedürfnis und Konsumzwang, er war und ist mehrheitlich kein Ausdruck von emotionaler Zuneigung zweier Menschen. Zunächst erklärt sich das, aus evolutionsbiologischer Sicht, mit dem animalischen Imperativ zur Fortpflanzung und Arterhaltung. Ein weiteres Motiv für das Streben nach sexuellem Austausch ist die tief verwurzelte Sehnsucht geliebt zu werden.

 

Die animalische Komponente, der reine Drang nach Vollzug, ist gewiss der primäre Grund für die Unaufrichtigkeit im Hinblick auf die Verwirklichung sexueller Vereinigung, wenn das Ansinnen nicht von vorn herein als unverbindlicher Kopulationswunsch offenbart wird. In der heutigen Informationsgesellschaft gibt es zunehmend starke Tendenzen die Doppelmoral zu überwinden und sexuellen Verkehr als das zu benennen, was er all zu häufig ist: ein Beschaffungsverhalten zur Generierung sexueller Erregung (-der Konsumcharakter wird hier deutlich). Das sorgt für eine definitive Trennung von Körper und Geist, es macht zugleich die verbreitete Amoralität in der Gesellschaft sichtbar. Die Gewichtung egoistischer Interessen zu Lasten ethischer Werte erfährt dadurch einen Auftrieb. Egoistische Interessen werden sanktioniert, weil die Mehrheit sich zu ihnen bekennt und in diesem Bekenntnis keine Verfehlung mehr erkennen mag. Das hat zur Folge, dass Spiritualität und Emotionalität, besonders in Bezug auf intime zwischenmenschliche Begegnungen, bagatellisiert, ja verlernt oder vergessen werden. Diese Betonung des Lustprinzips ist die Folge eines Bildungsverlustes, durch den charakterliche Tugenden in die Bedeutungslosigkeit gedrängt werden, mit dem Resultat der Verbreitung und Erstarkung eines neuen, unreflektierten Hedonismus.

 

In Zeiten kontrollierter genetischer Reproduktionsmedizin und höchst entwickelter Neuropsychologie wäre ein Paradigmenwechsel, der die spirituelle Bedeutung einer emotionalen Paarbeziehung betont und über die der Intersexualität stellt, meines Erachtens mehr als angebracht. Das bedeutet, den Geschlechtsakt per se von seiner Identifikation mit einem Liebesbekenntnis zu lösen und ihn zugunsten mentaler Werte auf jene Bedeutung zu konkretisieren, die er ursprünglich darstellt: die einzige Möglichkeit seine Gene zu verbreiten (maskuline Sichtweise) bzw. die Zeugung des Nachwuchses zu sichern (feminine Sichtweise). Diese Ethik erscheint nur auf den ersten Blick regressiv. Denn nur mittels dieses Postulats kann ins Bewusstsein unserer Gesellschaften dringen, was der mental-geistige Aspekt einer Paarbindung darstellt: Er ist die Grundlage für das Miteinanderauskommen und Wohlergehen der kleinsten sozialen Gruppe, eben der eines freien (Liebes-)Paares. »Frei« bedeutet in diesem Zusammenhang freiwillig entschlossen gemeinsame Interessen zur Förderung von individueller Prosperität und Wohlsein (Gesundheit und Lust) zu verfolgen. Die Liebe bezweckt ein anderes Ziel als die Fortpflanzung zu garantieren. Sie trachtet (prinzipiell) bedingungslos nach dem Gedeih des Liebesobjektes. Die emotional bedingte Paarbildung klammert ego-ökonomische Interessen als Motiv für das Zusammenschließen vorerst aus. Ökonomische Wirkungsprinzipien sind jedoch Bestandteil eines jeden intimen Verhältnisses, einerlei, ob dieses auf Emotion oder dem »animalischen Imperativ« basiert. Erst mittels einer Haltung, die sich die Erkenntnis von Liebe als lohnende Basis für bilaterale gesundheitliche Entwicklung zu Eigen macht, erschließt sich Geschlechtsverkehr als Ausdruck von Kommunikation und Akt ganzer Hingabe.

 

Ich möchte kurz den Sinn und den Wert einer emotional begründeten Paarbeziehung vertiefen. Sexuelle Vereinigungen ohne emotionales Fundament stellen, wie gesagt, das Normverhalten zwischenmenschlich-intimer Beziehungen dar. Sie sind dann primär Ausdruck von Machtinteressen und Egoismen. Das gilt uneingeschränkt für rein sexuelle Begegnungen und Kurzzeitverhältnisse. Doch wirken auch in Bezug auf die Mehrheit aller länger dauernden Paarbindungen emotionsreduzierte Dynamiken, weil entweder nie eine tiefe emotionale Verbindung bestand, oder weil das emotional motivierte Interesse an der gegenseitigen Förderung individuellen Wachstums einer egoistischen (ökonomisch selbstbezogenen) Bedürfnisbefriedigung gewichen ist. Die Gefahr der unausgewogenen Ökonomisierung einer Beziehung, bei der der Einzelne zunehmend eigene Interessen verfolgt, wird mit jeder Paarbildung potentiell angelegt, denn das menschliche Miteinander folgt ökonomischen Prinzipien, -ohne diese gäbe es keine Interaktion. Der erste Kontakt, der Tausch und Fluss von Information, also Kommunikation im weitesten Sinne, ist bereits ökonomisch »geregelt«, es ist ein Signalisieren und Reagieren, ein Geben und Nehmen, ohne welche Individuen nicht anknüpfen könnten. Jedes Miteinander, sei es liebeserfüllt, wertneutral oder auch missbräuchlich, funktioniert als Informationsaustausch. Beziehungen unterliegen darin einer steten Fortentwicklung. Das trifft in besonderem Maße auf gefühlsinitiierte Paarbindungen zu. Dabei führt die Entwicklung qualitativ in die eine oder andere Richtung. Ausschlag gebend für die Entwicklungsrichtung sind die persönlichen Erfahrungen, die sich aus dem Miteinander, also dem ökonomischen Prozess ergeben. Gelingt es dem Paar dauerhaft an- und durch einander zu wachsen und dabei permanent Wohlsein zu generieren, dann erfährt die Beziehung parallel mit ihrer Reifung einen Wertzuwachs, denn die Paar-Ökonomie ist ausgewogen. Für diesen (harmonischen) Prozess ist ein Bewusstsein um die Bedeutung der spirituellen Verbindung und Interaktion unverzichtbar. Darüber hinaus benötigt er jene Selbstdisziplin, die Individuen die eigenen egoistischen Impulse und Machtbestrebungen zum Wohle des Partners überwinden lassen. Es handelt sich also um eine in der emotionalen Verbindung gründende kognitive Reife, die eine Veränderung des Ich zu bewirken imstande ist. Jede Stagnation und/oder asymmetrische Ent-wicklung wird zur Auflösung einer Paarbindung führen.

 

Ich will in der idealisierten Abstraktion fort denken und die Frage nach der Korrelation zwischen körperlicher und spiritueller Vereinigung eines Paares aufgreifen. Geht man also von einer aufrichtigen, gereiften emotionalen Bindung zweier Menschen aus, dann ist durch die Wechselwirkung der sexuell-seelischen Vereinigung ein Erreichen des absoluten Optimums ganzheitlicher Verschmelzung möglich. Es handelt sich bei dem Prozess um eine sich beflügelnde Dynamik, bei der das seelisch-emotionale Band ihren Ausdruck in der physischen Vereinigung sucht, die wiederum eine energetische Koppelung bewirkt, innerhalb derer sich die Identifikation mit dem geliebten Partner bis zur Auflösung des Ich in die Grenzenlosigkeit alles Seienden (vollständiger Orgasmus) steigert.

Spirituelle Einheit ist an die Liebe gebunden und durch sie bedingt (außer bei Adepten fernöstlicher Weltanschauungen), sexuelle Einheit ist es nicht. Das macht die spirituelle »Vereinigung« zu einer Sonderform menschlichen Umgangs, denn sie unterliegt keiner Willkür, was auch auf die Liebe selbst zutrifft. Erst wenn Liebe widerfährt, wird die spirituelle Einheit möglich. Spirituelle Einheit ist pure ätherische Kommunikation. Anwesenheit und Blickkontakt können genügen um sich mental zu koppeln, vorausgesetzt das Paar liebt und kennt sich. Eine physische Penetration ist dafür dann nicht notwendig.

 

Jeder Mensch, der die Intensität einer spirituell-sexuellen Einheit erlebt hat wird erkennen, dass rein physische Vereinigungen zwar dem Wohlbefinden dienen (können), jedoch nur mehr unvollständig wirken. Und umgekehrt kann er zur Erkenntnis gelangen, dass asexuelle, spirituelle »Vereinigungen« der »sexuellen Physik« eines Geschlechtsaktes überlegen sind, weil die Einheit eine reinere, eine wahrere und unbegrenztere ist. Für in dieser Hinsicht erfahrene (oder bewusste) Menschen ist der verbreitete unreflektierte Drang nach geschlechtlicher Vereinigung letztlich Ausdruck eines Mangels an Achtung und Würde gegenüber dem Partner, zumal wenn dieser Drang einseitig und/oder nicht durch eine selektive seelisch-emotionale Sehnsucht motiviert ist. Der geforderte Paradigmenwechsel liegt in der Erkenntnis, dass das sexuelle Einlassen auf einen Partner »unzulänglich« ist oder werden wird, wenn das Motiv dafür ein geringeres ist, als dem einer spirituellen Identifikation Ausdruck zu verleihen. Oder anders gesagt, Geschlechtsverkehr bleibt ein –im Sinne des Wortes- funktionaler animalischer Akt, wenn er ohne Liebe ausgeführt wird. Erst die Liebe lässt das Tier »Mensch« menschlich werden, indem er die Sexualität in den Dienst seiner geistig-seelischen Möglichkeiten, nämlich der emotionalen Kommunikation, stellt und die Funktionalität dieser Kommunikation (Bereicherung durch Hingabe) pflegt und festigt. Solange Individuen den Geschlechtsakt für sich instrumentalisieren, wird er nur vorgeben das zu sein, was er sein sollte: der Ausdruck spirituell-emotionaler Verbundenheit zweier Menschen zum Wohle der gegenseitigen körperlichen und seelischen Gesundheit.

 

 © Oliver Schumann im November/Dezember 2003

 

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